Landfrauentag 2018:

Ein Bericht von Barbara Heiniger

Der Landfrauentag des Verbandes bernischer Landfrauenvereine VBL fand im Seeland statt. Mit einer Führung in der Justizvollzugsanstalt JVA Witzwil gab es einen sehr informativen, lehrreichen Einblick in den offenen Strafvollzug. Im gemütlichen Partyraum Chuestau, Vinelz, gab es das Nachtessen und die Netzwerke unter den Berner Landfrauen wurden einmal mehr gefestigt.

Der Anlass gehört fest ins VBL-Jahresprogramm und hat schon Tradition. Dies zeigte sich eindrücklich am grossen Interesse für den «8. Landfrauen-Tag» im Kanton Bern. Rund hundert Frauen aus allen Teilen des Bernbiets reisten ins Seeland um etwas «Gefängnisluft» zu schnuppern

«Ab 21 Jahren nimmt die Strafanfälligkeit ab»

Mit Kaffee und einem Gebäck wurden die Landfrauen in der JVA Witzwil empfangen. Der süsse Geschmack im Mund verschwand aber recht schnell bei den klaren Ausführungen von Direktor Hans-Rudolf Schwarz, als er in einem kurzen Referat aufzeigte, was der heutige Strafvollzug ist. Mit vielschichtigen Interessen und zahlreichen Vorgaben müssen sich die Verantwortlichen tagtäglich befassen. Eindrücklich waren die Aussagen des Direktors zu Tötungsdelikten an Frauen, ausgeführt von Männern die noch im Strafvollzug waren. Hans-Rudolf Schwarz erklärte den Besucherinnen auch, dass bei Frauen die Straffälligkeit mit dem Alter von 21 Jahren abnehme, bei Männern sei dies erst mit 26 Jahren. In einem Portrait stellte er ebenfalls die JVA Witzwil vor. Witzwil ist eine offene Strafvollzugsanstalt für 184 erwachsene Männer. Die Strafen werden in einer geschlossenen Abteilung mit 18 Plätzen, sechs offenen Wohngruppen mit je 20 Plätzen, einer Eintrittswohngruppe (offener Vollzug) mit 18 Plätzen, sowie im Arbeitsexternat (Aussenwohngruppe) mit 10 Plätzen vollzogen. Dazu sind 18 Männer in der Administrativhaft. Die Rückfallquote liegt bei rund 39 %, sie ist

aber immer im Zusammenhang mit der Gefangenenpopulation zu interpretieren und mit den anderen Anstalten nicht zu vergleichen. Sieben Monate und zwölf Tage ist ein Häftling im Durchschnitt in der JVA Witzwil. Der Ausländeranteil beträgt rund 53 %, die Kosten pro Häftling und Tag betragen 315 Franken, was eher im unteren Bereich der Anstalten liegt.

Es sind 144 Mitarbeitende und davon 28,5 % weiblich. „Wir sind froh um die Frauen und ihre Sicht der Dinge hier in der JVA Witzwil“ stellt Hans-Rudolf Schwarz fest.

Von der Fohlenweide bis zu den Freilandschweinen

In der JVA Witzwil besteht für alle Häftlinge Arbeitspflicht. Sie finden vielseitige Tätigkeiten und bei einem Rundgang konnten sich die Landfrauen davon überzeugen. Mit Pferd und Wagen ging es bequem über das grosse Areal. Schon die Fohlenweide wusste alle zu begeistern. Die professionelle Aufzucht von Fohlen hat in Witzwil lange Tradition. Für rund hundert junge Pferde hat es optimale Bedingungen mit grossen Weiden, sowie Offenfrontstall mit viel Luft und Licht. Es gibt eine durchgehende Aufzucht bis zu dreijährigen Fohlen, dabei erfolgt die Gruppenhaltung nach Jahrgang. Die Fachpersonen Patrick Joos und Corinne Schuhgovich konnten viel erklären. Schön und in vollem „Saft“ waren die Obstanlagen und interessant die Freilandschweine. Rund tausend Tiere leben ständig im Freien und es war unübersehbar, dass ihnen diese Art der Haltung sehr gefiel. Der Landwirtschaftsbetrieb der JVA Witzwil hat eine Grösse von 800 Hektaren (inkl. der Alp mit 110 ha), nebst Pferden, Schweinen und Kühen werden auch Bienen gehalten. Dazu gibt es Futter- und Ackerbau, sowie Kartoffel- und Gemüsebau. Natur- und Landschaftsschutz bilden einen wichtigen Betriebszweig. Die Mitarbeitenden sind fachlich qualifiziert, für den Strafvollzug und die Arbeitsagogik ausgebildet.

Arbeitsagogik war beeindruckend

Die Landfrauen durften auch einen Blick in eine Wohngruppe und Zelle werfen. Dabei wurde klar, dass es ein „Einzelzimmer“ ist, aber nach dem Einschluss für den Betroffenen nicht immer einfach. Beeindruckend waren die Ausführungen rund um die Arbeitsagogik in der JVA Witzwil. Als schweizerisches Zentrum für Arbeitsagogik im Freiheitsentzug führt und fördert die JVA Witzwil Gefangene nach arbeitsagogischen Grundsätzen in sechsundzwanzig Berufen in der Landwirtschaft, im Gewerbe und in der Versorgung. Arbeitsagogik ist das bewusste, gezielte Einsetzen von Arbeit als Spiegelbild und Lernfeld für Gefangene. Es ist Führungs- und Beziehungsarbeit, das Ziel ist die Erhaltung, sowie Erweiterung der Handlungskompetenz des Inhaftierten durch individuelle Förderung, letztlich zur Reintegration. „Wir sind froh, wenn wir bei Führungen einem Teil der Bevölkerung aufzeigen können, was der offene Strafvollzug ist. Dabei auch erklären, was für Problematiken uns beschäftigen“ sagte Hans-Ulrich Schwarz zu den interessierten Landfrauen. Der Besuch im „Witzwiler Laden“, wo es etliche Produkte „Made in Witzwil“ zu kaufen gab, gehörte ebenso dazu. Mit grossen Dank und vielen neuen Eindrücken verabschiedeten sich die Landfrauen von Direktor Hans-Ulrich Schwarz, sowie seinen Mitarbeitenden aus der JVA Witzwil.

Den Abschluss des lehrreichen Tages bildete das Nachtessen im Partylokal Chuestau in Vinelz. Alle schätzten es, am gedeckten Tisch zu sitzen und genossen das gemeinsame Essen. Ein Dankeschön bekam Doris Marti, die für die Organisation des Landfrauentages verantwortlich war. In fröhlicher Runde wurden in den frühen Abendstunden die Netzwerke unter den Frauen vom Land fester geknüpft.


 

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